Warum kann es bedeutsam sein, das Leben der zwölf Jünger zu studieren? Weil Jesus sie selbst erwählte und dazu bestimmte, Seine Apostel zu werden (vgl. Mk 3,14). Durch die Wahl dieser Männer können wir sehen, was wahre Jüngerschaft ist – und was sie nicht ist. Wir werden das Leben der einzelnen Apostel jedoch nicht bis ins letzte Detail untersuchen, das würde zu weit führen. Nein, es sollen einige spezifische Merkmale der jeweiligen Apostel betrachtet werden, damit wir daraus das eine oder andere für unser persönliches Leben – für unsere ganz persönliche Jüngerschaft – lernen.
Wir beginnen mit einer der markantesten Persönlichkeiten unter den Aposteln: Simon Petrus.
Wer war Simon Petrus?
Simon Petrus hiess ursprünglich nur Simon (vgl. Mt 16,17). Der Name Petrus ist die griechische Übersetzung des aramäischen Wortes «Fels» und kommt im Neuen Testament auch unübersetzt als Kephas vor. Diesen Namen erhielt Petrus von Jesus bei ihrer ersten Begegnung: «Du bist Simon, der Sohn des Johannes; du sollst Kephas heissen, das heisst übersetzt: Fels» (Joh 1,42).
Petrus war verheiratet und besass ein Haus in Kapernaum (Lk 4,38). Er arbeitete als Fischer mit seinem Bruder Andreas zusammen. Im Jüngerkreis galt Petrus als der Führende. Er steht in allen Apostellisten an erster Stelle, sprach stets für alle Jünger und gehörte mit Jakobus und Johannes zu den drei Aposteln, die dem Herrn besonders nahestanden.
In der Apostelgeschichte wird uns Petrus als ein Leiter der Gemeinde geschildert, der die Wahrheit des Evangeliums in der Öffentlichkeit und vor dem Hohen Rat unerschrocken verkündigte. Zudem sandte der Herr ihn zum heidnischen Hauptmann Kornelius und öffnete damit den Weg zur Heidenmission. Gegen Ende seines Lebens befand sich Petrus wahrscheinlich in Rom und wandte sich von dort aus – unter Mitarbeit eines gewissen Silvanus – in zwei Briefen an die Gemeinden. Ausserdem kann angenommen werden, dass das Markusevangelium auf Schilderungen des Petrus zurückgeht, da Markus sich bisweilen bei Petrus aufhielt und durch ihn «mein Sohn Markus» genannt wurde (1.Petr 5,13).
Jesus sagte Petrus den Märtyrertod voraus: «Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst und gingst, wo du hinwolltest; wenn du aber alt wirst, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht hinwillst. Das sagte er aber, um anzuzeigen, mit welchem Tod er Gott preisen würde. Und als er das gesagt hatte, spricht er zu ihm: Folge mir nach!» (Joh 21,18-19). In der Bibel gibt es jedoch keine näheren Angaben, wie und wo Petrus schliesslich starb.
Petrus und sein Temperament
Petrus war temperamentvoll und begeisterungsfähig. Seine Entscheidungen kamen von Herzen, wobei er aber in der Gefahr stand, vorschnell zu reden. Häufig handelte Petrus aus dieser Begeisterung heraus unbesonnen und schlitterte so in fehlerhaftes Verhalten. Begeisterung ist an und für sich nicht schlecht, kommt aber Unnüchternheit hinzu, ist es nur noch ein kleiner Schritt, in grosse Fehler oder gar unbiblische Praktiken zu geraten.
Petrus und das Wasser
Petrus sah den Herrn einst auf dem Wasser gehen. Er war begeistert: «Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser. Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu. Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, hilf mir! Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?» (Mt 14,28-31).
Beinahe wäre Petrus ertrunken. Er wollte lediglich aufgrund einer unvermittelt aufkommenden Begeisterung dem Herrn entgegengehen, nicht aufgrund festen Glaubens – so hätte er den Herrn erreicht. Seine Begeisterung war nicht fehl am Platz. Im Gegenteil: Wir dürfen immer begeistert sein, wenn wir eine wunderbare Begegnung mit dem Herrn haben. Aber der Fehler war, dass sich Petrus aus dieser Begeisterung heraus in einen falschen Tatendrang hineinsteigerte. Kaum war er jedoch auf dem Wasser, achtete er auf den Wind – und im Nu war alles zerschlagen!
Das geschieht doch oft auch in unserem Leben: Voller Begeisterung gehen wir bestimmte Dinge an, aber wehe uns, wenn auf einmal ein starker Wind aufkommt. Dann zeigt sich rasch, aus welcher Kraft wir schöpfen. Wir ahnen gar nicht, welch grosse Schäden durch fleischliche Begeisterung angerichtet werden können. Wie oft schon wurden Scheinerweckungen wie Luftballons in die Höhe geschickt, weil feurige und charismatische Redner in der Lage waren, ganze Menschenmassen zu begeistern. Aber eine solche Erweckung dauert eben nur solange an, wie so ein künstliches Kraftgebilde am Leben bleibt. Wehe, wenn die Luftballons zerplatzen. Ja, es kann schlimme Folgen haben, in einer plötzlich aufkommenden Begeisterung Dinge zu sagen oder zu tun, deren wir eigentlich gar nicht mächtig sind.
Petrus und der Hahn
«Liebe Kinder, ich bin noch eine kleine Weile bei euch. Ihr werdet mich suchen. Und wie ich zu den Juden sagte, sage ich jetzt auch zu euch: Wo ich hingehe, da könnt ihr nicht hinkommen. … Spricht Simon Petrus zu ihm: Herr, wo gehst du hin? Jesus antwortete ihm: Wo ich hingehe, kannst du mir diesmal nicht folgen; aber du wirst mir später folgen. Petrus spricht zu ihm: Herr, warum kann ich dir diesmal nicht folgen? Ich will mein Leben für dich lassen. Jesus antwortete ihm: Du willst dein Leben für mich lassen? Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Der Hahn wird nicht krähen, bis du mich dreimal verleugnet hast» (Joh 13,33.36-38).
Petrus liess sich erneut von seiner Impulsivität hinreissen. Darauf musste Jesus Petrus im Beisein aller Jünger zurechtweisen. Er liess ihn in anderen Worten wissen: «Petrus, was du jetzt so lauthals behauptet hast, ist die Folge einer fleischlichen Erregung in dir. Du bist gar nicht imstande, das zu tun, was du jetzt bezeugt hast!» Wie sehr muss die Antwort Jesu den Petrus getroffen haben, wie sehr muss es ihn in seiner Jüngerschaft erschüttert haben, dass sein geliebter Meister ihm so etwas sagen musste!
Fragen wir uns doch einmal ganz offen: Wie ist unsere momentane Verbindung zum Herrn beschaffen? Was empfinden wir, wenn wir an unseren Herrn denken? Scheint der Himmel für unsere Gebete verschlossen? Dafür kann es verschiedene Ursachen geben. Aber vielleicht sieht unsere Jüngerschaft gerade so aus, wie es im Fall des Petrus war. Ich denke an die vielen Versprechen, die wir dem Herrn aus grosser Begeisterung gegeben haben, die Gelübde, die wir in gefühlvollen Stunden abgelegt haben oder die hochtrabenden Worte, die wir bezüglich unserer Nachfolge im Beisein anderer von uns gegeben haben. Ja, wir können dem Herrn nie genug unsere Liebe erklären. Wir können uns Ihm nie genug ganz neu weihen. Aber die Frage ist: Wie sieht es in der Praxis aus? Wo ist die Begeisterung für den Herrn im Alltag – eine Begeisterung, die sich nicht nur in beteuernden Worten und Gefühlsausbrüchen äussert?
Nach Jesu Antwort hatte sich wahrscheinlich Verzweiflung des Petrus bemächtigt. Vielleicht sind wir mehr verzweifelt als froh im Herrn – und warum? Weil der Herr unter Umständen auch unsere immer wiederkehrenden Versprechungen, Gelübde oder sogar Taten abweisen muss, die nur aufgrund fleischlicher Begeisterung entstanden sind und nicht aus dem Geist, nicht aus Seiner Kraft.
Petrus, der vollmächtige Apostel
Obgleich Petrus, als Jesus noch auf Erden war, oft versagte, wurde er später doch einer der vollmächtigsten Apostel des Herrn! Jesus selbst sagte zu ihm: «Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen» (Mt 16,18). Diese Worte haben sich erfüllt. Derselbe Petrus, der so oft durch seine Impulsivität manches kaputt machte, schrieb viele Jahre später in seinem ersten Brief: «Darum umgürtet die Lenden eures Gemüts, seid nüchtern und setzt eure Hoffnung ganz auf die Gnade, die euch angeboten wird in der Offenbarung Jesu Christi» (1.Petr 1,13). Welch starke und klare Worte! Hier ist nichts mehr von einem Petrus zu sehen, der manches aus aufwallender Begeisterung sagte und tat. Eine solche Jüngerschaft, wie sie Petrus später lebte, wünsche ich uns allen: eine Jüngerschaft, die einzig und allein auf der Gnade des Herrn Jesus Christus gegründet ist!