Die verdorrte Hand und der Sabbat der Ruhe
Ein kleiner Junge versucht vergeblich, mit seinen Händen einen schweren Gegenstand aufzuheben. Immer wieder müht er sich ab, doch es gelingt ihm nicht. Da kommt sein Vater ins Zimmer, sieht seine Anstrengung und fragt: «Hast du all deine Kraft eingesetzt?»
«Ja, natürlich», antwortet der Junge.
«Nein», sagt der Vater, «du hast mich noch nicht um Hilfe gebeten.»
Diese einfache Geschichte führt mitten hinein in den Abschnitt aus Markus 3,1-6. Dort begegnen wir einem Menschen mit einer verdorrten Hand. Und wir begegnen Jesus, der nicht nur heilt, sondern zugleich eine tiefe geistliche Wahrheit sichtbar macht.
Heilung am Sabbat
Markus berichtet:
«Und er ging wiederum in die Synagoge. Und es war dort ein Mensch, der hatte eine verdorrte Hand. Und sie lauerten ihm auf, ob er ihn am Sabbat heilen würde, damit sie ihn anklagen könnten. Und er spricht zu dem Menschen, der die verdorrte Hand hatte: Steh auf und tritt in die Mitte! Und er spricht zu ihnen: Darf man am Sabbat Gutes tun oder Böses tun, das Leben retten oder töten? Sie aber schwiegen. Und indem er sie ringsumher mit Zorn ansah, betrübt wegen der Verstocktheit ihres Herzens, spricht er zu dem Menschen: Strecke deine Hand aus! Und er streckte sie aus, und seine Hand wurde wieder gesund wie die andere. Da gingen die Pharisäer hinaus und hielten sogleich mit den Herodianern Rat gegen ihn, wie sie ihn umbringen könnten» (Mk 3,1-6).
Jesus ist in der Synagoge, dem jüdischen Versammlungsgebäude. Dort ist ein Mann mit einer verdorrten Hand. Und das Ganze geschieht am Sabbat – jenem wichtigen jüdischen Feiertag, an dem keine Arbeit verrichtet werden durfte.
Doch der Sabbat hat auch eine prophetische Bedeutung. Er weist hin auf die kommende Sabbatruhe, auf das Königreich, in dem Jesus als der wiedergekommene Messias auf dieser Erde regieren wird. In Jesus und mit Jesus kommen ganze Völker zur Ruhe. Auch Israel wird in diese Ruhe eingehen, wenn der Messias da ist. Hebräer 4 erinnert an diese grosse Ruhe Gottes.
Im Herrn ruhen heisst: Er wirkt. Er wirkt durch Israel, durch mich und durch dich. Das Fleisch hält inne und lässt ihn handeln. Deshalb tat Jesus gerade am Sabbat so viele Wunder. Allein in Markus 1 bis 3 wird der Sabbat auffallend oft erwähnt. Jesus wirkt, er zeigt, er offenbart.
Wenn wir diese Bedeutung des Sabbats vor Augen haben, können wir erahnen: Der Herr wird solche Zeichen und Wunder einmal wieder tun. Wie die verdorrte Hand damals plötzlich wieder gesund wurde, so wird er auch künftig Heilung, Wiederherstellung und Ruhe wirken.
Darin liegt auch für uns eine geistliche Wahrheit. Wir sind eingeladen, neu zur Ruhe zu kommen und zu sagen: «Herr, mach du. Ich will bei dir ausruhen.» Denn er vollzieht sein Werk.
Die Hand in der Bibel
Die Hand begegnet uns in der Bibel sehr häufig. Sie steht für Wirksamkeit, Handlung, Darreichung, Macht, Bewahrung und Dienst.
In Jesaja 50,2 fragt der Herr: «Ist meine Hand etwa zu kurz, um zu erlösen, oder ist bei mir keine Kraft, um zu erretten?»
Hier geht es um Gottes wirksames Handeln zur Erlösung. Auch Jesaja 66,2 sagt: «Denn dies alles hat meine Hand gemacht, und so ist dies alles geworden, spricht der HERR.»
Und in Psalm 145,16 lesen wir: «Du tust deine Hand auf und sättigst alles, was lebt, mit Wohlgefallen.»
Die Hand steht also für Gottes Wirken, Versorgen und Eingreifen. Auch in 2. Mose 17 sehen wir diese Bedeutung: Solange Mose seine Hände erhoben hielt, hatte Israel die Oberhand.
Vor diesem Hintergrund ist es bemerkenswert, dass Jesus den Mann mit der verdorrten Hand auffordert, in die Mitte zu treten. Alle sollen ihn sehen. Die Atmosphäre in der Synagoge muss von gespannter Erwartung erfüllt gewesen sein: Was wird jetzt geschehen?
Jesus hat einen Zweck mit dieser Anschauungslektion.
Eine Anschauungslektion für Israel
Was sollen die Schriftgelehrten, Pharisäer und die anderen Anwesenden sehen? Sie sollen anhand dieser verdorrten Hand den geistlichen Zustand Israels erkennen.
Israel hatte von Gott einen Auftrag erhalten: Es sollte ein priesterliches Volk sein, ein Volk, das Menschen in die Nähe des lebendigen Gottes bringt. Doch im Gesetz Mose sehen wir, dass jemand mit einem Gebrechen – etwa mit einer gebrochenen Hand oder einem gebrochenen Fuss – nicht zum priesterlichen Dienst zugelassen war.
So kann dieser Mann mit der verdorrten Hand als Sinnbild für Israel gesehen werden: Israel befindet sich in einem geistlich verdorrten Zustand. Es ist nicht mehr wirksam im Dienst Gottes. Es ist nicht in der Lage, die anvertrauten Heilsgüter richtig entgegenzunehmen und weiterzugeben. Es gleicht einem Priester mit einer gebrochenen Hand.
Diesen geistlichen Niedergang sehen wir auch in Maleachi 1,10: «O dass doch einer unter euch die Türen zuschlösse, damit ihr nicht vergeblich Feuer anzündet auf meinem Altar! Ich habe kein Wohlgefallen an euch, spricht der HERR der Heerscharen, und die Opfergabe von eurer Hand gefällt mir nicht!»
Die verdorrte Hand spricht von Unwirksamkeit. Sie erinnert auch an den verdorrten Feigenbaum, der keine Frucht brachte.
Das griechische Wort für «verdorrt» wird meist in diesem Sinn verwendet; einmal kann es auch mit «abmagern» wiedergegeben werden. Darum wurde vermutet, dass dieser Mann möglicherweise an Muskelschwund litt. Auch das passt zum Bild: kraftlos geworden. So war Israel geistlich kraftlos.
Gerade das sollten die religiösen Eliten sehen. In ihrem Stolz und Wahn sollte ihnen ihr eigener Zustand vor Augen geführt werden. Der Mann steht in der Mitte der Synagoge – als sichtbares Zeichen für ein religiöses Leben, das äusserlich noch besteht, innerlich aber verdorrt ist.
Der verborgene Stolz der Eliten
Jesus stellt nicht nur den Zustand Israels bloss, sondern auch den verbitterten Stolz der religiösen Führer. Der verheissene Messias steht vor ihnen. Er heilt, rettet und tut genau jene Zeichen und Wunder, die das Alte Testament vom Messias angekündigt hatte.
Doch die herrschende Elite denkt nur an ihre eigene Autorität, ihren Posten und ihren Stand. Durch Jesus sehen sie ihre Stellung bedroht. Darum suchen sie einen theologischen Grund, um ihn anklagen zu können. Der Sabbat scheint ihnen dafür geeignet: Wird Jesus es wagen, diesen Mann am Sabbat zu heilen?
Da fragt Jesus: «Darf man am Sabbat Gutes tun oder Böses tun, das Leben retten oder töten?»
Damit bringt er ans Licht, was in ihren Herzen verborgen ist. Seine Frage lautet im Kern: Ist es verboten, einen Menschen gesund zu machen? Oder ist es erlaubt, am Sabbat die Tötung eines Menschen zu planen?
Sie schweigen. Ihre Verdrehung wird offenbar.
Dabei zeigt schon 4. Mose 28,9-10, dass Priester am Sabbat tätig waren. Sie dienten zum Segen anderer: «Am Sabbattag aber zwei einjährige, makellose Lämmer und zwei Zehntel Feinmehl als Speisopfer, mit Öl gemengt, dazu sein Trankopfer. Das ist das Sabbat-Brandopfer an jedem Sabbat, ausser dem beständigen Brandopfer und seinem Trankopfer.»
Sollte es also am Sabbat verboten sein, Gutes zu tun und segensreich zu dienen?
Auch mit Blick auf die zukünftige Bedeutung des Sabbats wird das deutlich: Wird Christus im messianischen Königreich nicht Gutes tun? Wird er nicht heilen, lehren, zurechtbringen und sein Volk gebrauchen? Auch dann wird er das Verborgene in den Herzen offenbar machen.
Jesus heilt die Hand
Jesus ist betrübt über die Verstocktheit ihrer Herzen. Er ist zornig und sieht sie ringsum an. Der Sohn Gottes steht mitten unter ihnen – und sie schweigen.
Dann spricht er zu dem Mann: «Strecke deine Hand aus!»
Der Mann streckt sie aus, und seine Hand wird wieder gesund wie die andere.
Auch für uns liegt darin eine Wahrheit: Wer seine Hand nach Jesus ausstreckt, wer sich nach ihm sehnt, wird am inneren Menschen gesund.
Doch was tun die Pharisäer nach diesem Wunder? Tun sie Gutes oder Böses? Sie schmieden Mordpläne. Markus 3,6 sagt, dass sie sogleich mit den Herodianern Rat halten, wie sie Jesus umbringen könnten.
Das ist erschütternd. Die Pharisäer verbünden sich mit ihren eigentlichen Erzfeinden – mit Anhängern des Herodes, die mit den Römern zusammenarbeiteten. Offenbar reichen theologische Gründe nicht aus, um Jesus zu beseitigen; politische Gründe müssen hinzukommen.
So wird klar: Diese Eliten haben keinen Blick für ihren eigenen Zustand und keinen Blick für ihren eigentlichen Auftrag.
Das ist auch eine Ermahnung an uns. Habe ich einen Blick für meinen geistlichen Zustand? Merke ich, ob der Geist gedämpft ist? Oder ist es mir gleichgültig? Wir dürfen alles zu Jesus bringen und uns immer wieder durch seinen wunderbaren Heiligen Geist korrigieren lassen.
Wiederherstellung für Israel
Jesus heilt diesen Menschen. Und darin liegt ein prophetischer Ausblick: Wenn Jesus zurückkommt, wenn er auf dem Ölberg erscheinen wird, dann wird er auch die «Hände» Israels heilen. Er wird Israel wieder wirksam machen zur Darreichung und zum Dienst. Er wird durch sein Volk handeln.
Ein markanter Hinweis darauf findet sich in Hesekiel 37. Dort spricht Gott zu den verdorrten Gebeinen: «Ihr verdorrten Gebeine, hört das Wort des HERRN! So spricht GOTT, der HERR, zu diesen Gebeinen: Siehe, ich will Odem in euch kommen lassen, dass ihr lebendig werdet!»
Wie die Hand des Mannes wieder gesund wurde, so wird Israel für seine herrliche Zukunft auf Erden wiederhergestellt. Jesaja 2,3 zeigt, wie Israel dann wirksam sein wird für den lebendigen Gott: «Und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns hinaufziehen zum Berg des HERRN, zum Haus des Gottes Jakobs, damit er uns belehre über seine Wege und wir auf seinen Pfaden wandeln! Denn von Zion wird das Gesetz ausgehen und das Wort des HERRN von Jerusalem.»
Unsere Hände in Gottes Hand
Welche praktische Lektion lernen wir aus dieser verdorrten Hand?
Hiob 37,7 sagt: «Er versiegelt die Hand jedes Menschen, damit alle Leute sein Werk erkennen.»
Jemand hat dazu geschrieben: Erst wenn wir an den Werken unserer eigenen Hände enttäuscht und verzweifelt sind, können wir Gottes Werke – seine Schöpfung, Erlösung und Vollendung – verstehen.
An den eigenen Händen enttäuscht sein: Das ist ein starker Ausdruck. Er erinnert an den kleinen Jungen vom Anfang, der mit seinen Händen den schweren Gegenstand nicht heben konnte. Er hatte all seine Kraft eingesetzt, aber den Vater nicht um Hilfe gebeten.
Vielleicht kennen wir dieses Gefühl auch. Vielleicht sind unsere Hände – im übertragenen Sinn unsere Wirksamkeit, unsere Kraft, unsere Hingabe – müde geworden. Vielleicht ist unsere Leidenschaft für geistliche Anliegen verdorrt.
Jesus heilte die verdorrte Hand, damit sie wieder wirksam wurde. Ebenso sind auch wir aufgerufen, unsere Hände, unser Leben, unsere Kraft und unsere Passion für Gottes Sache ihm neu hinzugeben.
Herr, setze meine Hände ein – für dich, für Menschen und für deine Sache.
Strecken wir sie aus. Geben wir sie ihm.
Vielleicht sagt der Vater auch heute zu dir und zu mir: «Du hast deine ganze Kraft eingesetzt, aber du hast mich noch nicht um Hilfe gebeten.»
Hände, die Bibeln weitergeben
Vor einiger Zeit waren meine Frau und ich bei den Gideons in Zürich zu einem Abendessen eingeladen – auch stellvertretend für das Missionswerk Mitternachtsruf. Dort erzählte jemand, dass die Gideons im vergangenen Jahr an der Berufsmesse Bibeln verteilt hatten.
Mir kam dabei das Bild der Hände in den Sinn: Hände, die Bibeln austeilen. Hände, die Jesus hingehalten werden mit der Bitte: «Herr, mach du. Wirke du.»
Bemerkenswert war, dass diese Bibeln ein helles grün-blaues Design hatten – genau in den Farbtönen der Werbung und Gestaltung der Berufsmesse selbst. Den Verantwortlichen der Messe war das ein Anstoss, weil sie meinten, die Gideons hätten das absichtlich so gewählt. Doch es hatte überhaupt nichts miteinander zu tun.
Am Ende konnten die Gideons 9200 Bibeln verteilen.
Herr, nimm du meine Hände und mache sie wirksam für dich und zu deiner Ehre.