Markus 1,9-13

Eine Auslegung des Markus-Evangeliums: Teil 3

Aus dem Wasser in die Wüste

In den letzten Betrachtungen zum Markusevangelium stand Johannes der Täufer im Mittelpunkt: der grösste Prophet des Alten Testaments, der Wegbereiter des Messias. Nun richtet Markus den Blick auf den, auf den Johannes hingewiesen hat: Jesus Christus, den grössten Propheten aller Zeiten, den grössten Menschen, ja, die grösste Person der Menschheitsgeschichte überhaupt.

Der Abschnitt in Markus 1,9-13 beschreibt den Beginn des öffentlichen Dienstes Jesu: «Und es geschah in jenen Tagen, dass Jesus von Nazareth in Galiläa kam und sich von Johannes im Jordan taufen liess. Und sogleich, als er aus dem Wasser stieg, sah er den Himmel zerrissen und den Geist wie eine Taube auf ihn herabsteigen. Und eine Stimme ertönte aus dem Himmel: Du bist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe! Und sogleich treibt ihn der Geist in die Wüste hinaus. Und er war 40 Tage dort in der Wüste und wurde von dem Satan versucht; und er war bei den wilden Tieren, und die Engel dienten ihm.»

In nur fünf Versen entfaltet sich eines der gewaltigsten Geschehen der Heilsgeschichte. Gott, der Sohn, tritt öffentlich auf und beginnt seinen Dienst. Gott, der Heilige Geist, kommt wie eine Taube aus dem Himmel herab und bevollmächtigt ihn. Gott, der Vater, bestätigt den Sohn mit seiner eigenen Stimme. Und kaum ist diese göttliche Offenbarung geschehen, betritt auch der Widersacher die Szene: Satan, der Feind der göttlichen Dreieinheit.

Markus führt uns damit aus dem Wasser in die Wüste. Jesus wird getauft, gerüstet, geliebt und geprüft.

Jesus wurde getauft

«Und es geschah in jenen Tagen, dass Jesus von Nazareth in Galiläa kam und sich von Johannes im Jordan taufen liess.»

Wie aus heiterem Himmel betritt Jesus die öffentliche Bühne der Heilsgeschichte. Markus erklärt seinen römischen Lesern knapp, woher Jesus kommt: aus Nazareth in Galiläa, gut hundert Kilometer nördlich von Jerusalem. Nach seiner Geburt in Bethlehem und der Flucht nach Ägypten lebte Jesus bis zu seinem etwa dreissigsten Lebensjahr in Nazareth.

Nazareth war damals ein kleines, unbedeutendes Dorf in Galiläa und bei den Juden so verachtet, dass Nathanael spöttisch fragte: «Kann aus Nazareth etwas Gutes kommen?» Für Markus genügt diese knappe Herkunftsangabe. Er liefert keinen ausführlichen Stammbaum und keine Kindheitsgeschichte. Von Anfang an zeigt er Jesus als den Sohn Gottes, zugleich aber auch als Diener und Knecht.

Markus berichtet auch nichts von einem längeren Gespräch zwischen Jesus und Johannes dem Täufer. Obwohl die beiden verwandt waren, deutet Johannes 1,33 an, dass Johannes Jesus bis dahin nicht als den Messias erkannt hatte. Gott selbst hatte ihn auf diese Begegnung vorbereitet: «Der, auf den du den Geist herabsteigen und auf ihm bleiben siehst, der ist’s, der mit Heiligem Geist tauft.»

Johannes wusste, dass einer nach ihm kommen würde, der stärker war als er. Er wusste, dass er nicht würdig war, sich zu bücken und ihm den Riemen seiner Schuhe zu lösen. Aber den genauen Augenblick kannte er nicht. Nun war dieser Augenblick gekommen: «Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt!»

Doch weshalb liess sich Jesus taufen? Johannes predigte eine Busstaufe. Was hatte der sündlose Sohn Gottes damit zu tun? Der Hebräerbrief sagt von ihm, dass er «heilig, unschuldig, unbefleckt, von den Sündern abgesondert und höher als die Himmel» ist. Und doch lässt er sich untertauchen, als hätte er Reinigung nötig.

Drei Antworten helfen weiter.

Erstens war es Teil des göttlichen Plans. Jesus sagt in Matthäus 3,15: «Lass es jetzt so geschehen; denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen.» Gerechtigkeit musste erfüllt werden.

Zweitens bestätigte Jesus durch seine Taufe den Auftrag und die Botschaft Johannes des Täufers vor dem Volk.

Drittens identifizierte sich Jesus mit seinem Volk. Er stellte sich mitten unter bussfertige Sünder. Doch im Gegensatz zu ihnen legte er kein Sündenbekenntnis ab. Er hatte keine Schuld zu bekennen.

John MacArthur fasste diesen Gedanken einmal so zusammen: Im ersten Akt seines Dienstes identifizierte sich der Sündlose öffentlich mit denen, die keine eigene Gerechtigkeit hatten. Das sündlose Lamm unterwarf sich einer Taufe, die für Sünder bestimmt war, als Vorzeichen dafür, dass er sich bald dem Tod unterwerfen würde, den diese Sünder verdient hatten.

Damit niemand Jesus mit einem Sünder verwechselt, wird er unmittelbar danach sichtbar vom Heiligen Geist zum Dienst bevollmächtigt.

Jesus wurde gerüstet

«Und sogleich, als er aus dem Wasser stieg, sah er den Himmel zerrissen und den Geist wie eine Taube auf ihn herabsteigen.»

Hier begegnet uns ein kleines Wort, das den ganzen Stil des Markusevangeliums prägt: «sogleich». Es kann auch mit «plötzlich» oder «alsbald» übersetzt werden. Allein im ersten Kapitel erscheint dieses griechische Wort auffallend häufig. Markus schreibt gedrängt, frisch, zügig. Er treibt den Bericht voran.

Mit diesem «sogleich» beginnt die dramatische Offenbarung der Dreieinheit. Es ist ein kosmisches Ereignis am Anfang des Dienstes Jesu: Der Himmel zerreisst. Markus verwendet hier ein starkes Wort. Es erinnert an das Gebet Jesajas: «Ach, dass du den Himmel zerrissest und herabführest!» Genau das geschieht hier.

Zugleich weist dieses Zerreissen voraus auf den Abschluss des Dienstes Jesu. Am Anfang zerreisst der Himmel. Am Ende, beim Tod des Herrn, zerreisst der Vorhang im Tempel. Welch eine wunderbare Klammer über seinem ganzen Dienst.

Der Geist Gottes wird beschrieben wie eine Taube, die auf Jesus herabsteigt. Die Taube steht für Reinheit, Friedfertigkeit und Sanftmut – Eigenschaften, die dem Wesen Jesu vollkommen entsprechen. Er selbst sagt in Matthäus 11,29: «Ich bin sanftmütig und von Herzen demütig.»

Dabei wurde Jesus nicht erst bei seiner Taufe mit dem Heiligen Geist erfüllt. Es gab in seiner ganzen Existenz nie eine Zeit, in der er nicht vom Heiligen Geist erfüllt gewesen wäre. Als wahrer Gott war er schon immer voll des Geistes. Was hier geschieht, ist seine öffentliche Bevollmächtigung und Ausrüstung zu seinem einzigartigen Dienst.

Johannes sagt in Johannes 1,32, dass der Geist auf Jesus blieb. Es war eine bleibende Salbung. Damit erfüllt sich, was Jesaja angekündigt hatte: «Auf ihm wird ruhen der Geist des Herrn.» Dies ist die göttliche Amtseinführung, die Krönungszeremonie des messianischen Königs.

Und diese Einsetzung wird vom Himmel her bestätigt.

Jesus wurde geliebt

«Und eine Stimme ertönte aus dem Himmel: Du bist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe!»

Was für eine Bestätigung. Gott selbst spricht zum Sohn. Niemand vor ihm und niemand nach ihm erhält eine solche Zusicherung.

Mit den Worten «mein Sohn» wird das einzigartige Verhältnis zwischen Vater und Sohn betont. Sie erinnern an Psalm 2,7: «Du bist mein Sohn; heute habe ich dich gezeugt.» Jesus ist der einzigartige Sohn Gottes.

Mit dem Ausdruck «mein geliebter Sohn» wird die einzigartige Beziehung hervorgehoben. Schon in 1. Mose 22 klingt etwas davon an, als Gott zu Abraham sagt: «Nimm doch deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebhast, Isaak.» Gott wusste sehr wohl, dass er eines Tages seinen eigenen, einzigen und geliebten Sohn hingeben würde.

Jesus geniesst die höchste Zuneigung des Vaters. Zwischen Vater und Sohn besteht eine unendlich tiefe, ewige Liebesbeziehung. Sprüche 8,30 lässt etwas davon erkennen, wenn die personifizierte Weisheit sagt: «Da war ich Werkmeister bei ihm, war Tag für Tag seine Wonne und freute mich vor seinem Angesicht allezeit.»

Mit den Worten «an dem ich Wohlgefallen habe» wird schliesslich die einzigartige Majestät Jesu betont. Das erinnert an Jesaja 42,1: «Siehe, das ist mein Knecht, den ich erhalte, mein Auserwählter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat.»

Von Anfang an macht Markus klar, wer Jesus ist: der Sohn Gottes, Gott selbst. Dieses Verhältnis, diese Beziehung und diese Majestät erhielt Jesus nicht erst durch seine Taufe. Er hatte sie schon immer. Die Taufe machte sie sichtbar.

Doch Markus verweilt nicht lange bei der Herrlichkeit des zerrissenen Himmels, des herabkommenden Geistes und der Stimme Gottes. Er zeigt, wie der bevollmächtigte Diener Gottes unverzüglich seinen Dienst beginnt. Und dieser Dienst führt ihn zunächst nicht in den Tempel, nicht zu den Volksmengen, nicht auf einen Thron, sondern in die Wüste.

Jesus wurde geprüft

«Und sogleich treibt ihn der Geist in die Wüste hinaus. Und er war 40 Tage dort in der Wüste und wurde von dem Satan versucht; und er war bei den wilden Tieren, und die Engel dienten ihm.»

Wieder staunen wir über das Tempo des Markus. Ohne Umschweife geht es weiter. Während Matthäus und Lukas ausführlicher über die Versuchung Jesu berichten, beschränkt sich Markus auf zwei Verse. Doch gerade diese Kürze nimmt dem Ereignis nichts von seiner Schwere.

Nach Jesus, dem Heiligen Geist und Gott dem Vater tritt nun der Widersacher auf. Diese Begegnung ist kein Zufall. Sie ist göttliche Notwendigkeit. Nur Markus schreibt, dass der Geist Jesus in die Wüste «treibt». Dieses Wort trägt Dringlichkeit und Dramatik in sich. Es bedeutet aber nicht, dass Jesus unfreiwillig oder widerstrebend ging. Vielmehr zeigt es, dass er sich vollständig vom Geist Gottes führen liess.

In der Taufe erfüllte Jesus alle Gerechtigkeit. Nun musste seine Gerechtigkeit in der Versuchung auf die Probe gestellt werden. Vermutlich geschah dies in der Wüstenregion nordwestlich von Jericho, auch wenn wir den genauen Ort nicht kennen.

Das griechische Wort für «versuchen» bedeutet auch «prüfen». Es hat einerseits den Sinn des Erprobens: Es soll offenbar werden, wer diese Person ist. Andererseits beschreibt es die Versuchung: Wie reagiert jemand, wenn er zur Sünde oder zum Bösen verführt wird?

An dieser Stelle ist wichtig: Versuchung an sich ist keine Sünde. Jesus wurde versucht – er, der sündlose Heilige. Entscheidend ist, wie wir auf Versuchung reagieren. Halten wir stand? Leisten wir Widerstand? Oder geben wir ihr Raum und fallen?

Auch für den Gläubigen gilt: Wenn Gott sich zu ihm stellt, ihn segnet und vielleicht sogar für einen besonderen Dienst ausrüstet, kann es sein, dass Satan auftritt und alles infrage stellt. Satan bedeutet Feind, Gegner, Widersacher. Hesekiel 28 beschreibt ihn als ein geschaffenes Wesen voller Weisheit und Schönheit, als gesalbten, schirmenden Cherub bis Unrecht an ihm gefunden wurde und sein Inneres von Gewalttat erfüllt war.

Alles, was Gott liebt, hasst Satan. Darum geraten auch diejenigen, die Gott lieben, in sein Fadenkreuz.

Bei der Versuchung Jesu war es Gott selbst, der den Sohn in die Begegnung mit diesem gefallenen Engel führte. Jesus sollte durch seine eigene Autorität und Vollmacht den Sieg über Satan erringen. Wäre er hier unterlegen, wäre sein ganzes Werk gescheitert. Doch es ging nicht darum zu sehen, ob Jesus sündigen würde. Es ging darum zu beweisen, dass er nicht sündigen kann.

Markus schreibt, dass Jesus 40 Tage in der Wüste war. Von Matthäus und Lukas wissen wir, dass er in dieser Zeit fastete. Auch Mose und Elia fasteten 40 Tage. Später begegneten gerade diese beiden Jesus auf dem Berg der Verklärung und sprachen mit ihm über seinen Ausgang. Auch die Sintflut dauerte 40 Tage, und Goliath verhöhnte den Gott Israels 40 Tage lang. Die Zahl 40 begegnet in der Schrift immer wieder in Zeiten der Prüfung, des Gerichts und der Vorbereitung.

Markus erwähnt ausserdem, dass Jesus bei den wilden Tieren war. Damals gab es in dieser Gegend noch deutlich mehr wilde Tiere als heute: Schlangen, Skorpione, Leoparden, Bären, Füchse und Schakale. Die Wüste war ein gefährlicher Ort.

Doch der Text sagt nicht, dass Jesus vor den wilden Tieren floh oder mit ihnen kämpfte. Er war bei ihnen. Das deutet an, dass sie ihm nicht feindlich gegenüberstanden. Darin liegt ein Ausblick auf jene kommende Zeit, in der der leidende Knecht des Herrn als König der Könige in Jerusalem herrschen und sein Friedensreich aufrichten wird.

Der abschliessende Satz lautet: «Und die Engel dienten ihm.» Das zeigt, dass Jesus in allen Versuchungen siegreich widerstanden hatte. Wir wissen nicht genau, was die Engel taten. Vielleicht stärkten sie ihn. Vielleicht waren sie einfach bei ihm, als sichtbarer Ausdruck des Wohlgefallens des Vaters, als Trost und Beistand.

Der erste Adam wurde in einem herrlichen Garten versucht und fiel. Der letzte Adam wurde an einem kargen, trostlosen Ort versucht, in der Wüste, und siegte vollkommen.

Unser Hohepriester

Das ist unser Herr Jesus: getauft, gerüstet, geliebt und geprüft.

Deshalb haben wir einen Hohenpriester, der Mitleid haben kann mit unseren Schwachheiten. Wir haben einen, «der in allem versucht worden ist in ähnlicher Weise wie wir, doch ohne Sünde». Und deshalb kann er auch diejenigen vollkommen erretten, die durch ihn zu Gott kommen, weil er für immer lebt, um für sie einzutreten.

Was für ein Herr: Jesus Christus, aus dem Wasser in die Wüste geführt und in allem vollkommen siegreich.

Fredy Peter ist Mitarbeiter und Verkündiger des Mitternachtsruf. Sein Aufgabenbereich ist die Öffentlichkeits- und Verlagsarbeit des Missionswerkes. Er absolvierte seine theologische Ausbildung in Deutschland und in der Schweiz.
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