Wie lassen sich die harten persönlichen Erfahrungen, die gesellschaftlichen Entwicklungen und die Lage in Nahost und in der ganzen Welt mit der Allmacht Gottes vereinbaren? Und wir fragen: Herr, wo bleibst Du? Warum leiden die hilflosen Gottesfürchtigen, während die starken Gottlosen gedeihen? Warum herrscht statt Gerechtigkeit solche Ungerechtigkeit? – Herr, wie lange noch?
Diese Frage ist so alt wie die Menschheit. Ganz konkret wird sie in Psalm 94 gestellt. Psalm 94 ist der Herzensschrei für alle Generationen von Gläubigen, die unter Ungerechtigkeit leiden. Und wir finden darin eine Gesellschaftsbeschreibung, die passender nicht sein könnte für unser 21. Jahrhundert. Dieser Psalm zeigt den scheinbaren Triumph des Ungerechten über den Gerechten. Aber auch die Gründe, warum Kinder Gottes trotz all des unverständlichen Leids zuversichtlich sein können. Dabei dürfen wir die Tatsache nicht aus den Augen verlieren, dass dieser Psalm in erster Linie Israel gilt, denn die Psalmen sind ja das Liederbuch Israels.
Psalm 94 ist ein persönliches und prophetisches Lied. Es stellt insbesondere die endzeitlichen Zustände dar, die kurz vor der Wiederkunft Jesu und der Aufrichtung Seiner Herrschaft auf Erden herrschen werden. Das wird also ein Psalm sein, den der bedrängte gläubige Überrest Israels in der grossen Trübsalszeit mit Bitten und Flehen singen wird: Herr, wie lange noch?
Wer ist dieser gläubige Überrest und woher wissen wir, dass dieser Psalm die Zeit vor der Wiederkunft Jesu beschreibt? Um diese beiden Fragen zu beantworten, muss ein wenig weiter ausgeholt werden.
Das nächste Ereignis auf Gottes prophetischer Agenda ist die Entrückung. Dieses herrliche Geschehen beschreibt Paulus in 1. Thessalonicher 4,16-18 wie folgt: «Der Herr selbst wird, wenn der Befehl ergeht und die Stimme des Erzengels und die Posaune Gottes erschallt, vom Himmel herabkommen, und die Toten in Christus werden zuerst auferstehen. Danach werden wir, die wir leben und übrig bleiben, zusammen mit ihnen entrückt werden in Wolken, zur Begegnung mit dem Herrn, in die Luft, und so werden wir bei dem Herrn sein allezeit. So tröstet nun einander mit diesen Worten!»
Danach beginnt die siebenjährige Trübsalszeit mit der Schreckensherrschaft des Antichristen, gefolgt von nie dagewesenen Gerichten Gottes. Jesus beschreibt dies in Markus 13,20: «Und wenn der Herr die Tage nicht verkürzt hätte, so würde kein Mensch gerettet werden; aber um der Auserwählten willen, die er erwählt hat, hat er die Tage verkürzt.»
Die Auserwählten, von denen der Herr hier spricht, bilden den sogenannten gläubigen Überrest. Es sind Menschen, die während dieser Gerichtszeit zum lebendigen, rettenden Glauben an Christus kommen. Weil sie Nachfolger Jesu sind, werden sie sich weigern, den Antichristen anzubeten und sein «Malzeichen … oder den Namen des Tieres oder die Zahl seines Namens» anzunehmen (Offb 13,17). Als Folge dieser Ablehnung können sie nichts mehr kaufen oder verkaufen und werden grausam verfolgt. Und diese Zeit der totalen Kontrolle mit allen Folgen steht schon vor der Tür.
In einer Sendung des Schweizer Fernsehens wurde aufgezeigt, wie in Shanghai und anderen Teststädten Chinas mit unzähligen Kameras auf Strassen und Häusern die gesamte Bevölkerung kontrolliert wird: «Fährt jemand z.B. bei Rot über die Kreuzung, wird gleich nebenan auf einer digitalen Säule in Echtzeit sein Name und Bild an den Pranger gestellt. China erhofft sich dadurch mehr Sicherheit und Ordnung. Ja, und was die Kamera nicht erfasst, sieht das Handy. […] In China gibt es ein sogenanntes Soziales Kreditsystem von 350 bis 950 Punkten. Nach geheimen Kriterien legt der Staat fest, wie ehrlich, wohlhabend, vertrauenswürdig und politisch korrekt jemand ist und vergibt die entsprechenden digitalen Kreditpunkte. […] Da die 1,8 Milliarden mobilen chinesischen Handynutzer alles über Apps reservieren, bestellen und bezahlen, ist das eine beängstigende Entwicklung. Denn Leute mit tiefem Kredit werden in Ihrer Bewegungs- und Handlungsfreiheit eingeschränkt. […] Einer der wenigen unabhängigen Journalisten bestätigte, dass er nicht mehr Zugfahren oder Fliegen könne. Auf seinem Handy erscheint bei einer Buchung die Meldung: ‹Sie sind als unehrliche Person registriert. Vorübergehend können Sie kein Billett lösen.› Er könne keine Wohnung mehr kaufen oder ein Geschäft gründen» (SF1, Rundschau, 25.04.18).
Nun könnte man sagen, das ist China, das ist weit weg und betrifft uns nicht. Oder? Der Bericht hat auch aufgezeigt, dass sich immer mehr andere Staaten an diesem System beteiligen. Zum Beispiel Luxemburg: Wenn dort heute ein Chinese mit mehr als 700 Punkten des Sozialen Kreditsystems einreist, wird ihm die Ausstellung eines Schengen-Visums erleichtert …
Die antichristliche Herrschaft wirft ihre Schatten voraus! Und da fragen auch wir besorgt: Herr, wie lange noch?
Die siebenjährige Trübsalszeit wird dann schliesslich beendet mit der sichtbaren Wiederkunft des Herrn Jesus in grosser Kraft und Herrlichkeit, um Gericht zu halten und das Tausendjährige Friedensreich aufzurichten.
Woher wissen wir, dass sich Psalm 94 in erster Linie an den jüdischen Überrest richtet und diese schreckliche Zeit vor der Wiederkunft Jesu beschreibt? Wie bereits gesagt, sind die Psalmen das Lieder- und Gebetsbuch des Volkes Israel. Das wird in diesem Psalm zum einen untermauert, indem zweimal das Volk des Herrn erwähnt wird (V. 5.14) und einmal der Gott Jakobs (V. 7). Zum anderen befindet sich Psalm 94 in einer Reihe von acht sogenannten Reichspsalmen oder Jahwe-Königspsalmen. Der erste ist Psalm 93, der letzte ist Psalm 100.
In der Septuaginta, der griechischen Übersetzung des Alten Testaments, werden diese Psalmen übrigens alle, bis auf Psalm 100, David zugeschrieben. In den deutschen Bibeln fehlt dieser Hinweis, aber es gibt keinen Grund, diese Angaben der jüdischen Übersetzer, die ab 280 v.Chr. in Alexandria ihre fundamentale Arbeit begannen, anzuzweifeln.
Die Psalmen 93 bis 100 beschreiben die Aufrichtung des Tausendjährigen Königreichs von Jesus Christus und besingen, wie das zum Beispiel Arno Gaebelein in seinem Kommentar zur Bibel sagt, «zum grössten Teil seine Herrschaft als Richter und die Segnungen des kommenden Zeitalters».